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»Gehabte Schmerzen, die hab’ ich gern«
Besonderheiten der Schmerztherapie

 


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Schmerz ist eines der häufigsten Symptome einer lokalen Gewebsschädigung oder einer Krankheit und ist auch der Hauptgrund für einen Besuch beim Arzt. Zwar übt Schmerz, speziell akuter Schmerz, eine nützliche Warnfunktion aus, er kann aber auch, besonders wenn er chronisch wird, ohne physiologischen Nutzen selbst zur Krankheit werden. Die Gefahr einer Chronifizierung von Schmerzen besteht besonders dann, wenn Schmerz bei seinem ersten Auftreten nicht ausreichend behandelt wird. Nach ihrer Ursache und Pathophysiologie können drei Schmerztypen unterschieden werden: Der physiologische Nozizeptorschmerz entsteht als Warnsignal bei Einwirkung mechanischer, thermischer, chemischer oder elektrischer Reize auf gesundes Gewebe. Die Schmerzreaktion wird durch die Erregung sensorischer Nervenendigungen, der so genannten Nozizeptoren (»Schmerzrezeptoren«), ausgelöst und führt meist zu Reflexreaktionen, wie zum Beispiel das Wegziehen der Hand, um eine Gewebsschädigung zu vermeiden. Der pathophysiologische Nozizeptorschmerz entsteht bei Gewebeschädigungen oder -entzündungen und kann sich als Ruheschmerz, Hyperalgesie (verstärkte Schmerzhaftigkeit auch sonst schon schmerzhafter Reize) oder Allodynie (Schmerzempfindlichkeit normalerweise nicht schmerzhafter Reize, wie zum Beispiel Berührungsschmerz bei Sonnenbrand) äußern. Neuropathische Schmerzen entstehen, wenn Nerven durch Quetschung, Durchtrennung, Entzündung oder eine Stoffwechselstörung, wie zum Beispiel Diabetes, geschädigt werden. Diese Schmerzen haben einen abnormalen Charakter und können lang anhaltend und sehr quälend sein. Wenn infolge von Chronifizierungsvorgängen der Schmerz seinen Warncharakter verloren hat, wird Schmerz pathologisch.

Pharmakologische Schmerztherapie

Für die pharmakologische Therapie von Schmerzzuständen werden im Wesentlichen zwei Gruppen von Analgetika eingesetzt:
– Nicht-Opioid-Analgetika, die gleichzeitig fiebersenkende (antipyretische) und vielfach auch entzündungshemmende (antiphlogistische) Eigenschaften besitzen und deshalb »Nicht-steroidale Antiphlogistika « (NSAIDs: non steroidal antiinflammatory drugs) genannt werden.
– Opioid-Analgetika, die an Opioidrezeptoren, vorzugsweise im zentralen Nervensystem, schmerzlindernd wirken. Schmerzmittel gehören weltweit zu den am häufigsten eingesetzten Pharmaka. In Deutschland werden pro Jahr zirka 900 Millionen Tagesdosen NSAIDs und rund 140 Millionen Tagesdosen Opioide verordnet. Beide Substanzgruppen können jedoch mit prinzipiellen Problemen behaftet sein. NSAIDs sind zwar bei entzündlich bedingten Schmerzen sehr gut wirksam; sie können aber, besonders wenn sie über längere Zeit eingenommen werden müssen, zu schwerwiegenden Magen-Darm-Komplikationen führen. US-amerikanischen Daten zufolge sterben jedes Jahr mehr als 16000 Patienten an Magen-Darm-Nebenwirkungen von herkömmlichen NSAIDs; in Deutschland, so Schätzungen, sind es pro Jahr etwa 1500 Patienten. Opioide wirken ebenfalls hervorragend analgetisch, sie können aber auch unerwünschte Reaktionen, wie zum Beispiel Müdigkeit und Benommenheit, Verstopfung oder Atemdepression verursachen.

Schmerzen frühzeitig behandeln

Die wiederholte Reizung von Schmerzrezeptoren führt zu deren Sensibilisierung (periphere Sensibilisierung) und zu Veränderungen im Rückenmark (zentrale Sensibilisierung). Werden die Mechanismen der Sensibilisierung nicht frühzeitig durch eine adäquate Schmerztherapie unterbrochen, können Schmerzen chronifizieren, und es kann sich ein so genanntes Schmerzgedächtnis ausbilden. Der Schmerz wird dann schlecht therapierbar. Opioidanalgetika, wie zum Beispiel Morphin, wirken – wenn sie rechtzeitig gegeben werden – der zentralen Sensibilisierung und damit der Ausbildung des Schmerzgedächtnisses entgegen. Allerdings reagieren Schmerzpatienten auf eine Therapie mit Morphin oder anderen Opioidanalgetika sehr unterschiedlich, wie die klinische Erfahrung zeigt.
Folgendes Fallbeispiel soll dies erläutern: Zwei Patienten mit chronischen Schmerzen wurden pro Tag mit 30 Milligramm eines Morphin- Retardpräparates behandelt. Bei beiden Patienten waren die schmerzlindernden (analgetischen) Wirkungen zufriedenstellend. Einer der Patienten wurde jedoch unter der Morphintherapie so schläfrig und apathisch, dass das Morphin abgesetzt werden musste. Der andere Patient berichtete über keine nennenswerten Nebenwirkungen. Welchen Grund gab es für die unterschiedliche Reaktion auf die Morphintherapie? Genauere Untersuchungen ergaben, dass die Konzentration von Morphin im Blutplasma bei beiden Patienten unmittelbar vor der geplanten Einnahme der nächsten Dosis sehr niedrig (10 beziehungsweise 12,3 ng/ml), die des ebenfalls wirksamen Morphin- Abbauprodukts Morphin-6-Glucuronid dagegen sehr hoch war; bei dem Patienten mit Nebenwirkungen jedoch nur etwa halb so hoch wie bei dem ohne Nebenwirkungen (436 ng/ml beziehungsweise 804 ng/ml). Ursache dieser hohen Morphin-6-Glucuronid-Konzentrationen war bei beiden Patienten eine verminderte Nierenfunktion, in deren Folge sich das normalerweise über die Niere ausgeschiedene Morphin-6-Glucuronid im Körper anhäufte. Trotzdem verursachten die hohen Morphin-6-Glucuronid-Konzentrationen nur bei einem der beiden Patienten Nebenwirkungen. Warum? Genetische Untersuchungen zeigten, dass der Patient ohne Nebenwirkungen eine Mutation des µ-Opioidrezeptors hatte, während der Patient mit Nebenwirkungen diese spezielle Mutation nicht aufwies. Der µ-Opioidrezeptor ist der Hauptangriffspunkt von Opioidanalgetika wie Morphin und Morphin-6-Glucuronid. Offensichtlich schützt die Mutation den Patienten vor zu starken Nebenwirkungen einer Morphintherapie. Diese und andere pharmakogenetische Modulatoren der klinischen Wirkung von Opioiden wie Morphin, Morphin-6-Glucuronid, Methadon und Alfentanil werden am Institut für Klinische Pharmakologie der Johann Wolfgang Goethe-Universität untersucht. Zu den zurzeit untersuchten Genen gehören unter anderem 26 Mutationen des µ-Opioidrezeptors sowie Gene, die die Transportproteine kodieren, die die Opioidmoleküle im Körper verteilen oder aus dem Nervensystem beziehungsweise dem Körper insgesamt eliminieren. Dazu kommen Gene, die Enzyme bilden, die Opioidmoleküle verstoffwechseln, sowie Gene, die Strukturen kodieren, die an der Schmerzempfindlichkeit (Nozizeption) oder -verarbeitung beteiligt sind.
Ergänzt werden diese genetischen Techniken mit Methoden, die Aussagen über die Wirkungen von Opioiden sowie über deren Verstoffwechselung zulassen, so dass Pharmakokinetik (Zeitverlauf der Konzentrationen eines Arzneimittels im Organismus), Pharmakogenetik (Auswirkungen der Erbsubstanz auf die Wirkung eines Arzneistoffs) und Pharmakodynamik (spezifische Wirkung von Arzneimitteln und Giften) des applizierten Opioids detailliert charakterisiert werden können. Damit rückt das Ziel näher, jedem Patienten eine auf ihn speziell zugeschnittene Schmerztherapie zu verabreichen.

Konsequenzen von Mutationen des µ-Opioidrezeptors

Mutationen des µ-Opioidrezeptors können sich auf die Wirksamkeit (Potenz) oder auf die maximale Wirkstärke von Opioiden auswirken. Bei verminderter Potenz ist die Konzentrations-Wirkungskurve nach rechts verschoben. Das heißt, es müssen mehr Opioidmoleküle in den Geweben, die die Opioidrezeptoren enthalten, vorliegen, um die gleiche Wirkung zu erzeugen wie an nicht-mutierten Rezeptoren. Dies könnte klinisch einerseits bedeuten, dass Schmerzpatienten mit der Mutation im µ-Opioidrezeptor schlechter mit Opioiden therapierbar sind, weil sich keine ausreichende Schmerzstillung erzeugen lässt. Es könnte aber auch bedeuten, dass bei diesen Patienten weniger Nebenwirkungen einer Opioidtherapie auftreten. Zur Klärung dieses Sachverhalts konnten wir zeigen, dass sich bei Trägern einer Mutation im µ-Opioidrezeptor eine ausreichende Analgesie (Schmerzstillung) erzeugen lässt, dazu jedoch höhere Opioid- Dosen erforderlich sind. Trotz dieser höheren Opioid-Dosen hatten die Träger der Mutation jedoch signifikant weniger Nebenwirkungen. Das heißt also, Mutationen im µ-Opioidrezeptor können den Patienten vor Opioidnebenwirkungen schützen, ohne dass sie eine ausreichende analgetische Therapie verhindern. Damit ist auch geklärt, warum bei den oben beschriebenen Patienten der Träger der Mutation des µ-Opioidrezeptors hohe Plasmakonzentrationen von Morphin-6-Glucuronid vertrug, während der Patient ohne diese spezielle Mutation über Nebenwirkungen berichtete – beide Patienten jedoch eine ausreichende Analgesie unter der Morphintherapie hatten.
Genetische Polymorphismen können somit einen Teil der individuell unterschiedlichen Schmerztherapierbarkeit von Patienten erklären. Weitere Erkenntnisse in diesem Bereich können in Zukunft dazu beitragen, dass eine Opioid-Therapie besser individualisiert werden kann, um den Behandlungserfolg zu verbessern und Nebenwirkungen zu vermindern. Die systematische Untersuchung derartiger genetischer Faktoren zielt auf die Identifizierung von klinisch relevanten Parametern, die eine Optimierung der Schmerztherapie beeinflussen.

Neue »Targets« für die Schmerztherapie

Der Schmerzmittelmarkt ist ein Wachstumsmarkt. Einem Bericht aus »Nature Reviews Drug Discovery « (Vol. 2, März 2003, S. 176) zufolge wurden im Jahr 2001 weltweit zirka 25 Milliarden US-Dollar mit Analgetika umgesetzt. Im Jahr 2005, so wird erwartet, werden es 32,9 Milliarden US-Dollar sein, und 2010 soll der Umsatz rund 41,5 Milliarden US-Dollar betragen. Die Probleme, die die zurzeit eingesetzten Schmerzmittel besonders bei längerer Anwendung mit sich bringen, wurden oben bereits beschrieben. So ist zum Beispiel bei der Osteoarthrose das Hauptsymptom, weshalb die Patienten ihren Arzt aufsuchen, der Schmerz. Die Osteoarthrose ist die häufigste chronisch degenerative Gelenkerkrankung, an der weltweit etwa 500 Millionen Patienten leiden. Die pharmakologischen Behandlungsmöglichkeiten des Hauptsymptoms Schmerz sind gegenwärtig unzureichend, weil die zur Verfügung stehenden Mittel entweder eine zu geringe schmerzlindernde Wirkung haben, oder bei chronischer Anwendung häufig ernste Nebenwirkungen auslösen. Im Rahmen der Frankfurter Schmerzplattform ist deshalb ein weiterer Arbeitsschwerpunkt des Instituts für Klinische Pharmakologie die Erforschung von analgetisch wirksamen Substanzen bei der Osteoarthrose. Die Frankfurter Schmerzplattform ist eine seit dem Jahr 2001 bestehende bilaterale Kooperation zwischen dem Pharmaunternehmen Aventis und dem pharmazentrum frankfurt der Universität. In Bezug auf die Entwicklung neuer Wirkprinzipien wurden bereits erste gemeinsame richtungsweisende Publikationen veröffentlicht. Eingebettet sind diese Forschungsaktivitäten in das universitäre Forschungszentrum für Arzneimittelforschung, -Entwicklung und -Sicherheit, kurz ZAFES genannt. Der Weg zu einem innovativen Arzneimittel ist komplex. Er verläuft von der Suche nach einem geeigneten Wirkstoff über die Testung einer Entwicklungssubstanz in präklinischen und klinischen Studien bis hin zur Marktzulassung und dauert im Durchschnitt zehn bis 15 Jahre. Nahezu diese gesamte Wertschöpfungskette einer Arzneimittelentwicklung wird an der Universität Frankfurt über das ZAFES funktionsübergreifend und projektorientiert verknüpft. So können komplexe Problemstellungen effizient gelöst werden, die eine Institution allein nicht bewältigen könnte – zum Nutzen von Hochschule, Industrie und Biotechnologie. ZAFES ist eine logische Weiterentwicklung bisheriger Aktivitäten und Kooperationen innerhalb der Universität Frankfurt sowie mit Industriepartnern. Und es ist eine von drei neuen Säulen, die das Denker-Cluster der Rhein-Main-Region in Sachen innovative Arzneimittel tragen sollen. Die anderen beiden sind das Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie (FIZ, www.zafes.de/partner/index-fiz.html) sowie das im ZAFES integrierte Klinische Studienzentrum Rhein-Main (www.zafes.de/partner/index-klinisches-studienzentrum.html).

 



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